Der Sündenfall - Predigt von Pfr. Ulrich Hardt am 22.2.2026 (Invocavit)

Sündenfall
Bildrechte wikipedia - gemeindfrei (Michelangelo: Sündenfall)

Liebe Gemeinde,

kaum eine biblische Geschichte ist so bekannt wie die Erzählung von Adam, Eva und der Schlange im Paradies. Selbst wer noch nie einen Gottesdienst besucht hat und ohne Religionsunterricht aufgewachsen ist, dürfte diese Geschichte kennen. Auch weit außerhalb des kirchlichen Bereichs wird diese Geschichte immer wieder weiter überliefert. Unzählige Witze haben ihren Ursprung in eben dieser uralten Erzählung. 

Wenn es darum geht, mögliche Kunden zum Kauf eines bestimmten Produktes zu verlocken, macht sich auch die Werbung die Bekanntheit von Adam, Eva und der Schlange zunutze. 

Doch auch innerhalb der Kirche hat gerade diese Erzählung besonders weite Kreise gezogen. Schließlich scheint diese Geschichte ja zu erklären, warum Gottes Schöpfung, von der es eben noch hieß siehe, es war sehr gut, so gefährdet, unvollkommen und friedlos ist, wie wir sie kennen. 

Und weil die männliche Hälfte der Menschheit in Theologie und Kirche sehr lange das Sagen hatte, wurde diese Geschichte oft genug durch eine spezifisch männliche Brille betrachtet. Das führte dazu, dass die Frau als Verführerin abgestempelt wurde, vor der man/Mann sich in Acht nehmen muss.

Das alles und noch viel mehr mag mitschwingen, wenn wir heute Morgen die Geschichte von der Schlange, Adam, Eva und der Frucht- auch Sündenfallgeschichte genannt- hören.

Gerade bei einer Geschichte, die so bekannt ist und so oft und unterschiedlich weitergegeben wurde, lohnt es sich, noch einmal genau hinzuschauen. Das macht es uns möglich, zu überprüfen, was da wirklich erzählt wird- und was nicht. 

Ich möchte Sie einladen, diese Geschichte als Geschichte von heute zu lesen.

Schließlich wissen wir alle, Sie und ich, dass wir nicht im Paradies leben, wo alles wohl geordnet ist. Wir erleben es doch, dass die Menschen weder im Einklang mit sich selber noch mit ihrem Mitmenschen leben. Wir wissen, dass das Verhältnis von uns Menschen zu Gott und auch zur Natur gestört ist. In so eine Welt wurden wir alle hinein geboren.

So gesehen beschreibt die Geschichte vom Sündenfall unsere Situation. Wir sind also nicht einfach Zuschauer/innen, sondern stecken selber mittendrin. Und so lassen sie uns noch mal hinschauen, was eigentlich passiert:

Da kommt es zu einem Gespräch zwischen der Schlange und der Frau. Vordergründig geht es um die Frage, ob man eine bestimmte Frucht im Garten essen darf oder nicht. Diese Frucht vom Baum der Erkenntnis, so wird erzählt, verleiht bestimmte Eigenschaften. Diese Eigenschaft lässt sich am besten mit dem Begriff erwachsen charakterisieren. Wissen, was gut und was böse ist, das macht gerade einen Erwachsenen im Unterschied zum kleinen Kind aus. Worin dieser Unterschied besteht, versuchen wir der nachfolgenden Generation zu vermitteln. 

Wo nicht mehr klar ist, was gut und böse ist, nimmt die menschliche Gemeinschaft ernsthaften Schaden. Das können wir an der Geschichte unseres eigenen Volkes studieren. Eine Regierung ist dazu da, um das Böse einzudämmen. Doch in der NS-Zeit hatte unser Land eine Regierung, die nicht nur Böses zugelassen, sondern selber unglaublich viel Böses getan hat.

Im September vergangenen Jahres war ich in Auschwitz und konnte mit eigenen Augen sehen, wozu Menschen in der Lage sind.

Die Frage nach gut und böse ist eine der ganz grundlegenden Fragen bei uns Menschen. Das, was in unserer Geschichte zwischen der Frau und der Schlange verhandelt wird, ist erst einmal das menschliche Bedürfnis, erwachsen zu werden. Dazu gehört es auch, eigene Erfahrungen zu sammeln, eigene Wege auszuprobieren, auch mal zu scheitern und aus Fehlern zu lernen. Am Ende weiß man dann (hoffentlich) was gut, tragfähig und hilfreich und was auf der anderen Seite böse und dem Leben hinderlich ist.

Dieser Prozess des Erwachsenwerdens läuft wohl niemals ohne Schmerzen und Verletzungen ab, aber er ist nötig.

Doch in der Geschichte vom Sündenfall geht es ja um mehr als um einen ganz normalen Ablösungsprozess.

Worin aber liegt das Problem?

In der Geschichte essen die Menschen von der Frucht, die klug macht. Alsbald gehen ihnen die Augen auf. Auch das scheint unsere Situation widerzuspiegeln. Unendlich viel Wissen haben wir angehäuft. Innerhalb weniger Jahre verdoppeln sich die Kenntnisse auf dem Gebiet der Naturwissenschaften. Immer mehr Geheimnissen der Natur und des Lebens kommen wir auf die Spur. Das Internet ermöglicht es uns, jederzeit Zugriff auf eine unüberschaubare Vielzahl von Informationen zu haben. Nicht umsonst nennt man ja unsere Zeit das Informationszeitalter. 

Doch was passiert mit unserem Wissen? Kaum war die Kernspaltung entdeckt, wurden Bomben entwickelt, die Zigtausenden von Menschen das Leben kosteten.

Und auch die friedliche Nutzung der Kernenergie hinterlässt unseren Nachkommen auf Jahrtausende gefährlich strahlenden Müll.

Gar nicht auszudenken, wenn terroristische Gruppen Zugriff auf Kernbrennstoff bekämen, um daraus eine Bombe zu bauen.

Was machen wir mit unserem Wissen auf dem Gebiet der Genetik? Was ist vertretbar, um Menschen zu helfen. Wo sind die Grenzen, die wir besser nicht überschreiten?

Wo hilft Forschung, Leiden zu lindern? Wo aber pfuschen wir Gott ins Handwerk und machen uns Gott gleich?

Unser Wissen auf den verschiedenen Gebieten ist gewaltig geworden, doch es gerät immer wieder außer Kontrolle. Die kindliche Freude an neuen Erkenntnissen wird getrübt durch die Gefahren, die das neue Wissen in sich birgt.

Ihr werdet sein wie Gott

Wohl keine Generation vor uns hat diesen Satz so konsequent umgesetzt wie unsere.

Dabei wird Gott nicht etwa als Vorbild verstanden, an  dessen Handeln man sich orientiert. Sondern Gott wird von sehr vielen Menschen schlichtweg vergessen. Stattdessen feiert die Menschheit ihr Wissen, ihren Fortschritt, ihre Macht.

Der Mensch ist selbst sein eigener Gott geworden. Er meint, sich vor seinem Schöpfer nicht mehr verantworten zu müssen. Die Folgen dieses Denkens bekommen wir alle zu spüren: grenzenloser Egoismus, eine fortschreitende Umweltzerstörung und bewaffnete Konflikte in so vielen Ländern der Erde.

Wie in der Sündenfallgeschichte versucht man auch heute, die Verantwortung für das eigene Handeln auf Andere abzuwälzen: 

Die Untergebenen berufen sich darauf, ja nur einen Befehl ausgeführt zu haben. Die Befehlshaber reden sich damit heraus, dass sie die Taten ja nicht selber begangen haben. Dass sich ein Politiker oder ein Wirtschaftsmanager hinstellt und zugibt: Ja, ich habe einen Fehler gemacht, habe es mit der Wahrheit nicht genau genommen, habe mich bereichert- das passiert doch sehr selten.

Die Verbraucher sehen sich als Opfer der internationalen Konzerne, die weder Umweltstandards einhalten noch ihre Arbeitnehmer fair bezahlen. Die Industrie dagegen behauptet, sie reagiere nur darauf, dass die Verbraucher alles möglichst billig einkaufen wollen.

Schon auf dem Schulhof hört man ständig: der /die hat angefangen. Niemals gibt jemand zu, selber den Konflikt geschürt zu haben.

Wir Menschen sind darin geübt, die Verantwortung auf Andere abzuwälzen. In der Geschichte vom Sündenfall wird genau das nicht zugelassen. In der Geschichte vom Paradies haben alle Beteiligten die Folgen ihres Verhaltens zu tragen.  Keiner und keine wird allein verantwortlich gemacht. Doch genauso wenig wird jemand aus der Verantwortung entlassen. 

Die Folgen- so beschreibt es die Geschichte- sind hart, aber nicht unerträglich. Die Todesstrafe, die von der Frau befürchtet wurde, wird jedenfalls nicht vollstreckt.

Das Leben der Menschen wird mühsamer, beschwerlicher, der Zugang zum Paradies bleibt ihnen versperrt. Doch gleichzeitig stellt Gott sich auf die neue Situation ein.

In der Geschichte erscheint Gott als einer, der sich trotz allem liebevoll um seine Geschöpfe kümmert:

Als Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen haben, entdecken sie, dass sie nackt sind- und das ist ihnen peinlich. Es wird erzählt, wie Gott Adam und Eva nun Kleidung aus Fellen macht. Was für ein wunderbares Bild für Gottes Fürsorge!

So handelt Gott: er kümmert sich weiter um uns Menschen. Er überlässt die Menschen nicht sich selbst. Gott begleitet die Menschen, auch wenn sie nicht mehr im Garten Eden leben. 

So behält die Geschichte ihre Aktualität jenseits von Witz und Werbung. Sie beschreibt unser Leben- so wie es ist. Mühsam ist es, für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen. Und diese Mühsal und Anstrengung ist uns trotz aller Mechanisierung und Automatisierung in so vielen Lebensbereichen erhalten geblieben.

Schmerzhaft ist es, Kinder zu bekommen und schwierig, sie zu erziehen. 

Spannungsgeladen ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Und über allem steht die Erfahrung, dass unser Leben endlich und sterblich ist und wir am Ende wieder zu Erde werden.

Keine Spur vom Paradies. Doch ein Raum, in dem wir leben können, ob wir nun alt  sind oder jung. Ein Raum, in dem wir die Möglichkeit haben, unser Leben zu gestalten. 

Klug sind wir dann, wenn wir das, was wir tun, in der Verantwortung vor Gott tun. Dann haben wir als erwachsener Adam und als erwachsene Eva etwas aus der Geschichte gelernt. 

Und wir können uns darüber freuen, dass Gott uns nicht abschreibt, sondern uns begleitet auf dem nicht einfachen Weg durchs Leben.

(Ulrich Hardt)